Verblüffendes: Ode an das Spinatbrötchen

… oder emotionale Kompetenz im Alltag

Es ist schon eine ganze Weile her, an einem ganz normalen Wochentag, auf einem ganz normalen Bahnsteig mitten in Berlin.

Ich war auf dem Weg zu einem Termin und musste beim Umsteigen einen Moment auf meinen Folgezug warten. Der Bahnsteig war relativ voll morgens im Berufsverkehr, wenn irgendwie alle Berliner von A nach B wollen.

Mitten in der Menge stand ein Obdachloser, einer von denen, denen es wirklich schlecht geht. Keiner von denen, die musizierend oder bettelnd durch die Bahnen ziehen. Er sah zugerichtet aus, wie kurz nach einer Schlägerei, zerschlissene Kleidung, die einen unbestimmten Geruch verströmte. Also eine Gestalt bei der wir in der Regel lieber wegschauen, um das Elend nicht wahrnehmen zu müssen. Eine von den Gestalten, die in Berlin zum Stadtbild gehören.

Dennoch konnte ich den Blick nicht von ihm abwenden. Trotz des Leids, das ihm ganz offensichtlich wiederfahren ist, wirkte er für den Moment mit sich und der Welt zufrieden. Er stand auf dem Bahnsteig mit einer Papiertüte vom Bäcker in der Hand und aß.

Während er aß, teilte er sein Brötchen mit den Tauben. Er aß und krümelte den Bahnsteig voll. Erstaunlich, dass sich niemand über den „Dreck“ beschwerte. Er nahm einen Bissen und den nächsten gab er den Tauben. Um ihn herum hatten sich zahlreiche Tauben gesammelt, die sich über den reich gedeckten Bahnsteig-Tisch freuten. Der Obdachlose freute sich offensichtlich ebenfalls.

Tauben

Ob er irgendwann gespürt hat, dass er beobachtet wurde, oder aus einem anderen Grund, begann er während seines Frühstücks gemeinsam mit den Tauben zu erzählen und seinem „Publikum“ die nicht gestellten Frage zu beantworten.

„Ihr haltet mich bestimmt für verrückt“ sagte er, „dass ich hier mein Brötchen an die Tauben fütter. Endlich was zu essen und dann schmeißt er das weg. Das ist wirklich lecker dieses Brötchen, es ist ein Spinatbrötchen, Spinatbrötchen sind lecker, klasse diese Spinatbrötchen. Derjenige, der Spinatbrötchen erfunden hat, sollte einen Orden bekommen, so lecker sind die Spinatbrötchen. Und weil die so lecker sind, denkt ihr bestimmt, schmeiß ich die weg? Spinatbrötchen sind wirklich lecker. Ich liebe Spinatbrötchen. Und ich teile mein Spinatbrötchen gern mit den Tauben. Ich mag Tauben und weil die so lecker sind, teile ich das Spinatbrötchen (…) Ich habe nämlich noch eins.“ Und lächelte schelmisch vor sich hin.

Uff. Pause. Der Zug rollte in den Bahnhof. Alle Leute strömten zu den Eingängen, nur schnell hinein, einen Platz suchen.

Der Obdachlose mit seiner Bäckertüte und seiner „Ode an die Spinatbrötchen“ ebenfalls. Und wie es der Zufall so will – er ergattert einen Sitzplatz. Betretene Blicke, die sich senken, sich abwenden. Ihm gegenüber bleibt ein Platz frei.

Die „Ode an das Spinatbrötchen“ geht weiter. Er kann damit nicht mehr aufhören. Er isst und erzählt wie lecker diese Spinatbrötchen sind. Eine ganze Station lang.

Dann steigt jemand ein, offensichtlich schwer beladen, nicht gut zu Fuß, auf der Suche nach einem Sitzplatz. Der einzig freie Platz gegenüber dem Obdachlosen. Der Fahrgast zögert, aber die nächste Überraschung: „Komm, setz dich da hin, da ist doch Platz“ forderte der Obdachlose ihn auf. Und tatsächlich, der neue Fahrgast setzte sich hin.

Keiner der anderen Fahrgäste hat auf den Platz hingewiesen oder wäre gar aufgestanden.

Die Fahrt ging noch ein paar Stationen weiter. Der Obdachlose führte nun leiser seine „Ode an das Spinatbrötchen“ weiter. Dann wurde der nächste Bahnhof angesagt: „Hermannstraße“.

Dort steigen in der Regel viele Leute ein und aus, so auch an diesem Tag. Als sich bereits die zusteigenden Fahrgäste in den Waggon drängten, sprang der Obdachlose auf mit den Worten: „Mensch Hermannstraße, da muss ick raus, da jibt‘s doch immer klasse Würstchen.“ Und weg war er.

Für mich eine nachhaltige und verblüffende Begegnung. Was mich so verblüfft?

Ich habe lange darüber nachgedacht und am meisten hat mich die Verkettung von Ereignissen emotionaler Kompetenz verblüfft.

Zunächst gab es da in der Bäckerei am Bahnhof offenbar eine Person, die den Obdachlosen mit Brötchen versorgt hat. Und offenbar nicht nur mit einem Brötchen, sondern gleich mit zwei Brötchen. Da gab es eine Person mit so viel emotionaler Kompetenz, die nicht weggeschaut und einem Menschen in Not etwas zu essen gegeben hat. Das ist nichts Selbstverständliches und mich hat es verblüfft.

Dann der Obdachlose und die Tauben. Er war wirklich in einem schlechten Zustand, aber in seiner Not besaß er noch die emotionale Kompetenz, seine Brötchen mit den Tauben zu teilen. Weil er Tiere mochte. Verblüffend.

Auch die Situation mit dem freien Sitzplatz. Wieder war es der Obdachlose, der trotz eigener Not die emotionale Kompetenz besaß, als einzigster Fahrgast, einem Anderen Hilfe anzubieten. Verblüffend.

Und dann noch die letzte Verblüffung. Es gibt in unserer großen und anonymen Stadt überall Menschen mit emotionaler Kompetenz, die notleidenden Obdachlosen ein kleines Stückchen Hoffnung geben.

Gezeigt hat mir dieser Morgen einmal mehr, wie wichtig es ist, offen zu bleiben. Selbst wenn man das Gefühl hat, die eigenen Probleme wachsen einem über den Kopf, ist es wichtig, nicht zu vergessen, dass da noch andere sind, und die vielleicht auch Hilfe benötigen und wenn es nur ein Sitzplatz ist. Das ist emotionale Kompetenz.

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